Auf dem Hügel bei Ouzoud in Marokko

Ouzoud Marokko Mittlerer Atlas

Heute nehme ich dich mit auf eine kleine Gedankenreise.

Stell dir vor, du sitzt auf einer großen, handgeflochtenen Schilfmatte in der Sonne vor einem großen Berberzelt. Es ist ruhig und friedlich um dich. Die Geräusche, die du hörst, sind das sanfte Rascheln von Gras und Bäumen im Wind, das Zwitschern von Vögeln, die sich über den Frühlingsbeginn freuen, das Gezirpe von Grillen und das Summen von geschäftigen Bienen. Wie aus weiter Ferne dringt ab und an ein Motorengeräusch, das Bellen eines Hunds oder Stimmen, die sich unterhalten, an dein Ohr. Dein Blick kann ungestört nach allen Seiten wandern, denn du sitzt ganz oben auf der Kuppe eines Hügels.

Du blickst auf andere, sanft geschwungene Hügel unter dir, grün gefärbt von Baumwipfeln und satt rotbraun von der lehmhaltigen Erde. Ein bisschen sehen sie aus wie große Sandkuchen. Dahinter dunkelgrün bedeckte Berge, die so wirken, als habe ein Riese versucht, sie wie eine Ziehharmonika zusammenzufalten. Halb erwartest du, hinter einem der Hügel Frodo und seine Gefährten auftauchen zu sehen (vielleicht in einer orientalischen Version mit Djellaba – Kapuzenumhang – und Krummsäbel). Dazwischen ein Flussbett, Häuser und der Turm einer Moschee. Dann und wann trottet unten am Hügel ein Esel vorbei, ein Mensch in eine Djellaba gehüllt auf seinem Rücken. Und über dir strahlend blauer Himmel und die Wärme der Sonne auf deiner Haut.

Hast du das Bild vor dir gesehen? Falls nicht, helfe ich ein bisschen nach:

Ouzoud Marokko Mittlerer Atlas

Ouzoud Marokko Mittlerer Atlas

Vom Orangenhain bei Taroudant nach Ouzoud in den Mittleren Atlas

Nein, wir sind nicht auf dem Camping „Le Jardin de la Koudya“ vor Taroudant – zumindest nicht mehr. Einige Tage lang hat es uns im und am Orangenhain gehalten, der uns Sonne, viel Ruhe und schöne Spaziergänge bescherte. Das Anwesen, auf dem sich die Stellplätze befinden, bietet tatsächlich einen malerischen Garten mit allerlei Kakteen, Palmen, Farnen und Obstbäumen. Der Duft, der mir zuallererst entgegenschlug, erinnerte mich an Jasmin: süß und lieblich. Was mich da so in Verzückung versetzte, waren allerdings Orangenblüten! Als kleines Schmankerl bekam ich am ersten Abend in einem Café einen grünen Tee mit ebendiesen Blüten serviert – lecker! Eben fast wie Jasmintee.

Bis auf die Tatsache, dass der Internetempfang rund um die Stellplätze mit unserem Stick nicht gerade berauschend war, waren wir’s zufrieden. Aber so richtig gefunkt hat es nicht, trotz netter hessischer Nachbarschaft. Es ist zwar alles sehr schön angelegt, aber irgendwie fehlt die persönliche Note oder ein Besitzer, der herzlich und bemüht ist. Es kann schön sein, eine Zeit lang auf einem solchen „unpersönlichen“ Platz zu stehen – davon gibt es reichlich. Man hat seine Ruhe, einen gewissen Standard und meist auch eine reizvolle Umgebung. Wir aber wollten nach zwei Monaten Dauercampen in „Klein-Frankreich“ (der gesamte Küstenabschnitt am Atlantik) etwas anderes: Natur pur mit viel Freiraum, ohne dass man morgens gleich erfährt, wer wo was wann getan oder auch nicht getan hat. Nette, entspannte Leute treffen, die auch mal querdenken oder einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Camping Taroudant Marokko

Ziemlich am Anfang unserer Marokkoreise haben wir uns durch verschiedene Campingplätze gesurft, um uns einen kleinen Überblick zu verschaffen. Und dabei ist Jochen auf den Ferienhügel „Walhalla“ in der Nähe des Städtchens Ouzoud gestoßen, auf einer Höhe von etwa 850 Metern und im Mittleren Atlas gelegen. Sogar die bekannte und gern zitierte Edith Kohlbach hat dem Platz in ihrem Reiseführer und auf ihrer Website einige Zeilen gewidmet. Ein deutsches Paar mit Kindern, das sich in Marokko ein Grundstück auf einem Hügel gekauft und dort niedergelassen hat, um einen ökologisch nachhaltigen Lebensraum und einen Ort der Begegnung und des Energie-Tankens zu schaffen? Das klang schon sehr interessant und verlockend, und wir hatten uns fest vorgenommen, dort mal vorbeizuschauen – vor allem, weil uns in Tunesien vor zwei Jahren ein ähnliches Projekt vorschwebte. Außerdem schien Ouzoud zwar bekannt für seine Cascades – zu Deutsch: Wasserfälle zu sein, touristisch aber noch nicht allzu überlaufen.

Tja, und hier sind wir nun, und das auch schon wieder seit mehr als zwei Wochen! Der Hügel im Mittleren Atlas, nicht weit vom Städtchen Ouzoud entfernt ist wirklich ein Ort des Friedens. Natürlich ist auch hier – wie anderswo – nicht nur Jubel, Trubel, Heiterkeit. Aber wer gern in und mit der Natur lebt, ein Stück weit autark, sich sein kleines Stück Paradies schaffen möchte, der liegt mit Marokko auf keinen Fall verkehrt – wenn er oder sie mit der Mentalität der Menschen klarkommt. Doch wo muss man das nicht?

Ouzoud Marokko Mittlerer Atlas

Frühlingsbeginn in Marokko – mit bunten Farbtupfern wie hier von Mohnblumen

Heute Morgen habe ich im Internet eine schöne Formulierung aufgeschnappt: von Touristen totgeliebt. Ich würde eher sagen: vom Tourismus verdorben. Das sind all jene Gegenden, die besonders gern empfohlen und angesteuert werden, weil sie am Meer liegen, an einer spektakulären Schlucht oder einem Wasserfall wie hier in Ouzoud … In Marokko gibt es viele davon, aber mindestens ebenso viele fast unberührte und ursprüngliche Flecken, zu denen sich kaum oder gar keine Besucher verirren. Rund um den Ferienhügel wächst langsam der Tourismus; er selbst ist eine kleine Oase, in der man abschalten, die Gegend erkunden, sich austauschen, sich beteiligen, kreativ sein kann – und einfach man selbst!

Ouzoud Marokko Mittlerer Atlas

Solche lauschigen und ungestörten Sitzplätze finden sich überall auf dem Ferienhügel.

Es gäbe an dieser Stelle noch so viel zu erzählen: von schönen und anregenden Begegnungen vor und in dem anfangs erwähnten Gemeinschaftszelt (Chema), von kreativen Gedankenspielereien, lustigen Spielerunden, faulen Sonnentagen, der Entstehung von Dreadlocks … Das aber – du hast es dir schon gedacht – hebe ich mir für einen nächsten Beitrag auf!

3 Gedanken zu “Auf dem Hügel bei Ouzoud in Marokko

  1. Hallo ihr beiden! Wollte euch kurz Frohe Ostern und alles Gute wünschen !
    Mir ist gerade eingefallen, letztes Jahr haben wir ja Ostern fast zusammen verbracht in Pakostane…….
    Liebe Grüße
    Werner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.