Der Duft Kroatiens: Ankunft auf Vir

29. September 2014: Vir, Kroatien

Abends, wenn die Sonne untergegangen ist, zirpen die Grillen. Es ist ruhig hier. Wirklich ruhig. Man hört den Wind, das Rascheln der Blätter des Feigenbaums hinter uns, je nach Windstärke auch mal das Meer, ab und an bellt ein Hund. Die meisten Häuser sind schon winterfest, die Sommergäste nach Hause gefahren; nur einige wenige sind geblieben, um die spätsommerlichen kroatischen Temperaturen um die 25 Grad und die Stille nach dem Ansturm zu genießen. Wir gehören dazu. Was für eine schöne Belohnung für die letzten Wochen! Wir sind angekommen auf der Insel Vir, Teil des sogenannten Zadar-Archipels in der kroatischen Adria. Aber zunächst einmal zurück zum letzten Teil unserer Fahrt von Deutschland nach Kroatien.

Montagmorgen, auf einem Rastplatz irgendwo im Velebit: Unsere innere Uhr weckt uns pünktlich vor Sonnenaufgang. Die Nacht hier war (wie erwartet) ruhig und wir fühlen uns startklar für die letzten 190 Kilometer bis nach Vir, wo meine Eltern eine Ferienwohnung haben. Auf deren Grundstück wollen wir zunächst unsere Zelte – oder besser gesagt den Knuffi – aufschlagen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden, und ausgeruht sind wir auch. Muss ich wirklich noch einmal erwähnen, wie genial der Knuffi ist …? Es gibt nichts Herrlicheres, als den Bus spätabends irgendwo (bevorzugt in schöner, ruhiger Lage) abzustellen, die Jalousien hoch- und die Vorhänge zuzuziehen, das Bett mit einigen wenigen Handgriffen aufzubauen und sich schlafen zu legen.

Morgens auf dem Rastplatz in Kroatien

Morgens auf dem Rastplatz in Kroatien

Die kroatischen Rastplätze sind für eine solche Pause ganz hervorragend geeignet: Sie bieten meist einen tollen Ausblick, sind (zumindest in der Nebensaison) herrlich ruhig, sauber und verfügen über alles, was sich der Reisende nur wünschen kann: Toiletten, warmes (sogar richtig heißes!) Wasser, Abfalleimer und ein kleines Café, das früh öffnet und abends lange aufhat. Wir wollen zügig weiter, so kurz vor unserem Ziel. Eben das Geschirr vom Vortag waschen, die Hunde laufen lassen, den Müll entsorgen, Wasser ins Gesicht spritzen, Kaffee kochen – und weiter geht’s.

Nur noch 190 Kilometer! Ein Katzensprung, verglichen mit den rund 650 Kilometern vom Vortag. Das Velebit hat unbestritten seinen Reiz, es ist eine raue, karge Schönheit. Immer wieder sehen wir kleine Siedlungen oder auch nur einzelne Häuser mitten im Nirgendwo und fragen uns: Wer mag wohl hier wohnen? Der Gebirgszug mit 145 Kilometern Länge und bis zu 1.700 Höhenmetern bildet eine Klimabarriere zwischen dem Mittelmeer und dem Landesinneren. Daran werden wir schlagartig erinnert, als wir aus dem Mala-Kapela-Tunnel („Kleine Kapelle“, der längste Tunnel Kroatiens mit 5,7 Kilometern Länge) herausfahren: Dort schlägt uns eine Nebelwand entgegen.

Die Landschaft ist in undruchdringlichen Nebel gehüllt.

Die Landschaft ist in undurchdringlichen Nebel gehüllt.

Er hat schon etwas ungemein Reizvolles, Mysteriöses, leicht Unheimliches, dieser Nebel. Ich habe das Gefühl, durch eine verzauberte Landschaft zu schweben, in der wie aus dem Nichts schroffe Felsen auftauchen, als hätten sie nur auf uns gewartet. Nie ist mir die Vorstellung leichter gefallen, dass Steine keine tote Materie sind, sondern ein Bewusstsein besitzen. Ich lese später im Internet*), dass „Velebit“ übersetzt so viel wie „großes Wesen“ bedeutet. Bingo! Da wundert es auch nicht, dass das Massiv die Heimstatt zahlreicher Legenden und Mythen ist, eine davon die „Víla Velebita“, die Fee vom Velebit, ein Naturgeist in der Gestalt eines wunderschönen Mädchens mit Flügeln.

Nachdem wir das letzte lange Stück Berg durchquert haben, über den Tunnel Sveti Rok („Tunnel des Heiligen Rochus“), sind wir für einen Moment geblendet: Willkommen, Sonnenschein! Wir nähern uns nun unverkennbar der Adriaküste und haben es fast geschafft. Von hier an führt der Weg nur noch bergab. Und dann, einige Kilometer vor der Autobahnabfahrt Zadar 1, ist es – endlich – zu sehen: das Meer.

ohne Worte

Ein langersehnter Anblick!

Dieser Anblick beflügelt uns natürlich, aber am meisten berührt mich der Duft der kroatischen Küste, der mir aus den offenen Knuffi-Fenstern entgegenweht: Es ist ein Duft aus meiner Kindheit, der schöne Erinnerungen und tiefe Gefühle in mir wachruft. Bis zum Alter von 12 oder 13 Jahren habe ich zusammen mit meinen Eltern und meinem Bruder jeden Sommerurlaub in Kroatien verbracht, in Pula, Šibenik, Split, auf der Insel Pag … Damals gab es noch das sozialistische Jugoslawien, in dem die verschiedenen Völker friedlich mit- und nebeneinander lebten und Tito würdevoll von den Wänden herabschaute. Jetzt, als wir auf die Küste zufahren und eine leichte Brise durchs Fenster weht, ist binnen eines Augenblicks wieder alles da: Ich erinnere mich an den Salzgeruch des Meeres, an den Geruch von getrocknetem Seegras und Seeigeln, an die laut ihre Waren anpreisenden Sladoled- und Melonenverkäufer am Strand, an Sonne, Sonne, Sonne, an mit Felsen durchsetzte Strände und den harzigen Duft der Kiefernwäldchen direkt dahinter, die in der Mittagshitze Schatten spenden – kurzum: an den Geruch Kroatiens.

Das Gefühl, das sich in mir ausbreitet, hat etwas von Nach-Hause-Kommen – vieles ist fremd oder zumindest ungewohnt, aber dennoch irgendwie vertraut. Die freundlichen und hilfsbereiten Menschen, ihre Lebensart, das gemächliche Tempo des dörflichen Lebens: Das alles kommt unserer Mentalität näher als das, was wir jemals in Deutschland erlebt haben. Und so zuckeln wir die letzten 50 Kilometer nach dem Verlassen der Autobahn über Landstraßen und durch kleine Orte, vorbei an Straßenständen mit Gemüse und Obst, erfreuen uns an dem eher rauen Charme der steinigen und doch grünen Landschaft und sehen schließlich die 300 Meter lange, geschwungene Brücke vor uns, die Vir mit dem dalmatinischen Festland verbindet. Ihr Bogen scheint ins Nichts zu führen, wie beim Aufstieg einer Achterbahn, was meiner Mutter regelmäßig Magensausen bereitet (hallo Mama, hallo Paps!). Natürlich landen wir wohlbehalten auf der anderen Seite – und sind auf Vir. Ein Schild heißt uns freundlich willkommen: Dobrodošli! Nun noch durch den Ortskern hindurch, eine Landstraße hinauf und wir sind in Torovi, einem der drei Orte der Insel.

Das letzte Stück bis zur Wohnung meiner Eltern führt über eine Schotterstraße, auf der langsames Fahren angeraten ist, um Fahrwerk und Mensch zu schonen. Aber genau das macht den Reiz aus: Die Autos, die hier pro Tag vorbeifahren (wenigstens jetzt in der Nebensaison), lassen sich locker an einer Hand abzählen. Das erste Haus auf der linken Seite ist unser Ziel: Wir sind da!

Der Weg zum Meer

Der Weg zum Meer

*) http://de.wikipedia.org/wiki/Velebit

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