Im Alentejo: Entrückt von der Welt

Ende April hatten wir einen Winter an der Algarve hinter uns, den wir zunächst auf dem Figueira Caravan Park in der Nähe von Sagres, dann auf dem Natur-Camping nicht weit entfernt vom Strand von Ingrina verbracht hatten. Da sich der kalte Wind vom Atlantik verzogen hatte, konnten wir nun darangehen, ein länger gehegtes Vorhaben umzusetzen: uns das Alentejo im Inneren Portugals anzusehen.

Eigentlich hatten wir schon letztes Jahr vor, ins Alentejo fahren, doch dann blieben wir zunächst mal auf einem Campingplatz in der Douro-Region – und dann blieben wir noch ein bisschen länger, und noch länger … und auf einmal war der Winter da, und das im Norden mit unangenehm kalten Nächten. Also ging es auf direktem Weg in den Süden, an die Algarve. Wir sind ja inzwischen schon ziemlich verwöhnt, und Kälte – nee, das muss nicht sein!

Im Frühjahr packte uns außerdem ein wenig das Reisefieber, oder zumindest eine Art leichter Unruhe. Etwas ließ uns wissen, dass der Weg nun weitergehen sollte. Bei einem kurzen Aufenthalt in Figueira durchforsteten wir die privaten Vermietungsannoncen, weil wir das Bedürfnis hatten, den Sommer über an einem Ort, in einem kleinen Häuschen mit Garten zu verbringen (wobei uns das Grundstück eindeutig wichtiger war als die Behausung). Wir fanden auch ein richtig süßes, genau zu uns passendes Häuschen in der Nähe von Évora, doch es sollte nicht sein: Es war schon vermietet, bevor wir es uns überhaupt ansehen konnten.

Meine erste Reaktion war Enttäuschung, da ich mir schon ausgemalt hatte, wie wir auf der kleinen schattigen Terrasse mit Holzdach sitzen, um uns herum nur Bäume und Ruhe, und nachmittags im nahe gelegenen Fluss baden gehen. Aber inzwischen hat mir das Leben oft genug gezeigt, dass es immer einen Grund dafür gibt, wieso etwas passiert oder nicht passiert. Und ein Ereignis, das sich im ersten Moment als negativ präsentiert, hat im Nachgang unglaublich viele und schöne Folgen, die anfangs noch nicht zu erkennen sind.

Also warf ich meinen Rechner an und suchte nach einem schönen Stellplatz, und einige Tage später ging es denn auch los. Der erste Camping, auf dem wir landeten, wurde auf einem Portal hochgepriesen und hatte auch viele schöne Korkbäume aufzuweisen – laut der Website visitportugal.com ist Portugal der weltweit größte Korkerzeuger – , er war aber leider viel zu voll, wir standen eng an eng und nicht weit von einer Nationalstraße. Das Entscheidende aber: Der Charme fehlte. Am nächsten Tag packten wir unsere Stühle wieder in den Knuffi und fuhren weiter nach Avis, eine Kleinstadt im Alentejo – mitten im Nirgendwo. Hierhin muss man wollen.

Und dann kamen wir an auf dem Parque de Campismo da Albufeira do Maranhão, und alles war so, wie wir es uns vorgestellt hatten und wie es im Internet beschrieben war. Der Campingplatz wird vom Clube Náutico de Avis betrieben, oder steht zumindest auf dessen Gelände. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da der Platz direkt am Stausee von Maranhão liegt.

Alentejo Camping Stausee Maranhão

Soweit wir das beurteilen konnten, waren wir die einzigen Gäste. Die Entscheidung, wo wir unseren Knuffi und uns selbst parken wollten, fiel uns nicht besonders schwer. Der gesamte Platz ist in Terrassen aufgeteilt, und auf der untersten Ebene steht man fast direkt am Wasser, nur durch einige Bäume (und einen Zaun) davon getrennt. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir blieben einen ganzen Monat lang, und haben wirklich jeden Tag den Frieden und die Ruhe dieses Ortes genossen und in uns aufgesogen.

Vor und hinter uns ragten riesige, alte Bäume in die Höhe, die je nach Tageszeit Schatten spendeten. Die Vögel zwitscherten, das Wasser schwappte träge ans Ufer, einige Kajakfahrer paddelten auf dem See und immer wieder sprangen wahre Prachtexemplare von Fischen aus dem Wasser, um danach wieder klatschend auf der Oberfläche zu landen und unterzutauchen. Es versteht sich von selbst, dass der See ein wahres Anglerparadies ist. Frösche quackten, Grillen zirpten, Wasservögel krächzten und kreischten ab und an – ansonsten vollkommene Stille.

Alentejo Camping Albufeira do MaranhãoAlentejo Camping Barragem do MaranhãoAlentejo Camping Avis

Jeden Tag (bis auf Sonntag) kam der hiesige Bäcker mit seinem kleinen Transporter angefahren, um uns frisches Brot, Brötchen und die allerleckersten süßen Stückchen anzubieten, die man sich vorstellen kann. Da er nur Portugiesisch sprach, hat das meinen Wortschatz wieder ein klein wenig erweitert, und der Mann hatte jeden Tag ein Lächeln für mich und ein Brötchen für Rocky. Dann und wann kamen andere Camper, die einige Tage blieben, vor allem Portugiesen, die dauerhaft einen Wohnwagen auf dem Platz stehen haben und das Wochenende über „aufs Land“ fahren. Ansonsten hatten wir den Platz für uns allein. Das Sahnehäubchen auf diesem idyllischen Kuchenstück war das Restaurant des Clube Náutico, das Tagesmenüs anbietet und das man nicht ohne vollen Bauch und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen verlässt.

Alentejo Camping Albufeira do Maranhão Alentejo Camping Stellplatz Alentejo Camping Stausee

Einzig mit den hohen Temperaturen Mitte Mai hatten wir zu kämpfen (in den hiesigen Zeitungen als „Hitzewelle“ bezeichnet); hier im Landesinneren wird es richtig, richtig warm, wenn es warm wird. Unsere kleine portable Klimaanlage kam fast nicht dagegen an, tagsüber fläzten wir uns auf unseren Sitzbänken und versuchten, uns so wenig wie möglich zu bewegen. Dafür war es abends im Freien umso schöner. Und dann, aus heiterem Himmel, wurde uns ein wundervolles Geschenk gemacht, mit dem ich nie gerechnet hätte.

Wir saßen abends – es muss zwischen 10 und 11 Uhr gewesen sein – vor unserem Knuffi, schauten uns die Sterne an, kühlten uns etwas ab und lauschten auf das Plätschern der „springenden Fische“. Plötzlich hörten wir Vogelgesang – ein kurzes Intervall aus verschieden langen und hohen Tönen. Um diese Zeit? Eine kurze Pause, dann folgte die nächste „Strophe“. Wieder eine Pause, und wieder eine Abfolge. Und je länger dieser Gesang dauerte, desto klarer wurde, dass keine Strophe sich anhörte wie die andere, dass sich keine wiederholte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Nachtigall singen hörte, und es war hinreißend schön.

Aber nicht nur das: Es schien, als würde uns die Nachtigall etwas erzählen; der Gesang war wie ein Epos, das länger und länger wurde und immer wieder anders war. Ich schloss die Augen und Bilder tauchten auf: Bilder von Menschen, von einem Volk, das auf Wanderschaft ist, von einem uralten Volk, das über eine Steppe zieht. Und noch mehr habe ich gesehen, das ich aber leider wieder vergessen habe.

Mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben, was ich gefühlt und gesehen habe. Aber eins weiß ich: Die Nachtigall kam nicht zufällig zu uns. Und sie saß nicht zufällig ungefähr eine Woche lang auf einem Baum direkt vor uns, und sie sang nicht zufällig Abend für Abend bis spät in die Nacht für uns. Ich habe dieses Erlebnis anderen erzählt, und die Reaktionen reichten von Gänsehaut bis hin zu: „Das hatte ich auch schon mal, und ich konnte deswegen nicht schlafen.“ Ich jedenfalls habe jeden Abend auf die Nachtigall gewartet, und eines Abends war er dann vorbei, der Gesang. Ich werde ihn ganz sicher nie vergessen.

Haben wir im Alentejo das angetroffen, was wir uns erhofft haben? Ein definitives: Ja. Und noch mehr. Wegen der Hitze und des Bedürfnisses, etwas Neues zu beginnen, sind wir dann wieder an die Algarve gefahren, wo wir momentan auch noch sind. Und der neue Abschnitt bekommt immer klarere Konturen. Unser Freund Paulo, den wir in Miranda do Douro kennengelernt haben und der uns seine Heimatstadt Porto gezeigt hat, wird uns Ende des Monats besuchen kommen. Er fährt auf seinem Fahrrad einmal quer durch Portugal, um uns zu treffen. Das passiert ganz sicher ebenfalls nicht ohne Grund.

Ihr dürft gespannt sein, wohin uns die Lebensreise als Nächstes führt – wir sind es auf jeden Fall!

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