Leben im Campingbus – das Experiment

02. September 2014, 6:38 Uhr:

Ich räkele mich auf unserem Ausklappsofa wohlig unter der Decke, werfe einen noch etwas schläfrigen Blick auf unser fast leeres Wohnzimmer – derzeit zum kombinierten Schlaf-, Ess- und Chillraum umfunktioniert – und dann aus dem Fenster: Es wird langsam hell in der beschaulichen, idyllisch gelegenen und leider im Aussterben begriffenen Klein(st)stadt im Weserbergland, in der wir (noch) leben. Es ist sehr still, nur vereinzelt sind Autos zu hören, die ihren Besitzer oder ihre Besitzerin zur Arbeitsstelle befördern. Die Mikrowelt um mich herum erwacht.

Wie viele Menschen mögen sich gerade für ihren nächsten Arbeitstag fertig machen, wie viele sind schon unterwegs? Haben auf der Fahrt zum Arbeitsplatz bereits die ersten Anwandlungen von Stress, weil sie spät dran sind, der Silver Surfer im Wagen vor ihnen (natürlich!) über die Straße schleicht oder das Kind im Fond herumkrakeelt? Wünschen sich, sie könnten an der nächsten Kreuzung umdrehen und nach Hause ins kuschlige Nest zurückkehren oder einfach an der Autobahnabfahrt vorbei und stattdessen weiter gradeaus fahren, immer weiter, egal wohin – ins Blaue hinein?

Sicherlich eine ganze Menge. Und während mir diese Gedanken in wenigen Sekunden durch den Kopf gehen – immer noch in liegender Position, versteht sich -, bin ich wieder einmal dankbar und nochmals dankbar dafür, dass ich nicht zu dieser Menge gehöre. Dass ich liegen bleiben darf, wenn ich möchte. Dass ich mich nicht auf das morgendliche Meeting vorbereiten muss. Nur mir allein Rede und Antwort stehen muss. Und natürlich unseren Viechern, die momentan allerdings keine Anstalten machen, innerhalb der nächsten Viertelstunde mehr zu bewegen als die Augenlider.

Warum ich das alles schreibe? Um zu zeigen, was für ein tolles Leben ich führe und wie neidisch alle auf mich sein können.

Nein, im Ernst: Das ist natürlich Quatsch! Na klar ruft die Beschreibung meiner Lebensweise so manches Mal Missgunst hervor; glücklicherweise freuen sich aber fast genauso viele Leute für mich mit oder sind begeistert zu erfahren, dass man tatsächlich anders leben kann als die Masse. Aber wie lebe ich denn?

Zunächst mal: Ich lebe nicht allein, sondern zusammen mit meinem Mann, unseren zwei Hunden Freddy und Rocky und der Katze Ganschi. Momentan leben wir noch in unserem Fachwerkhaus in besagter Kleinstadt, sind aber schon auf dem Absprung und bereit für unser Projekt, das auf einen Nenner gebracht lautet: „Leben im Campingbus“. Der Campingbus, das ist in diesem Fall ein 94er Fiat Talento – genannt „Knuffi“ -, sprich ein Kleintransporter, der von Hymer innen zum Mini-Wohnmobil ausgebaut und vor kurzem in der Mietwerkstatt unseres Vertrauens „frisch gemacht“ wurde. Und wir alle zusammen werden versuchen, die nächsten Monate oder vielleicht auch länger, die Zeit wird es zeigen, auf kleinstem Raum zu reisen, schlafen, kochen, spielen, chillen und zu arbeiten. Ja, zu arbeiten. Dazu aber gleich mehr.

Leben im Campingbus Fiat Ducato Talento

Wenn wir von unserem Vorhaben berichten, lautet die erste Frage meist: Geht das?

Ich könnte jetzt mit einem einfachen „Ja“ antworten, da es theoretisch unendlich viele Orte und Behausungen gibt, an denen man sich aufhalten kann – um eine Frage der reinen Machbarkeit handelt es sich also definitiv nicht. Was hinter dieser Frage steckt, ist eigentlich: Geht das gut? Und vor allem: Wie geht das?

Also eigentlich zwei Fragen. – Frage Nummer eins spielt auf den Verlust von Komfort und den eingeschränkten Raum an, den man zur Verfügung hat. Fraglos ist es herrlich, sich morgens aus der Bettdecke zu schälen, um, immer noch schön aufgewärmt, ins Bad zu stolpern und sich dort unter die heiße Dusche zu stellen. Auf den eigenen Pott zu setzen und die Hinterlassenschaften einfach wegzuspülen. Sich auf dem XXL-Sofa zu räkeln oder die Wäsche in die Maschine und anschließend in den Trockner zu werfen. In ein anderes Zimmer zu gehen, wenn der geliebte Mensch an seiner Seite mal nicht so heiß und innig geliebt wird oder man nur mal seine Ruhe haben will. Ja, alles das ist toll – und ganz schöner Luxus, den man erst wieder so richtig zu schätzen weiß, wenn man ihn eine Zeit lang nicht gehabt hat. Dafür nehmen wir Tag für Tag eine ganze Menge in Kauf, wie eben den täglichen Weg zur Arbeit, den Ärger über inkompetente Chefs / Untergebene / Kollegen (Zutreffendes bitte ankreuzen), den pingeligen Vermieter, die Bank, die einem im Nacken sitzt … Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Die Frage „Geht das?“ kann jede und jeder nur für sich selbst beantworten: Was geht für mich? Auf wie viel Komfort will, kann ich verzichten? Wie viel (vermeintliche!) Absicherung brauche ich, um nachts ruhig schlafen zu können? Und letztendlich: Wie möchte ich leben und wieso möchte ich so leben, wie ich lebe? Ist das ein Bedürfnis aus mir heraus oder sind das zum Großteil gesellschaftliche Zwänge, die mich davon abhalten, ein anderes Lebenskonzept zu verwirklichen?

Um aus der beruflichen Erfahrung meines Mannes zu zitieren (der jahrelang als Psychiater gearbeitet hat): Die Menschen verändern in der Regel erst dann etwas in ihrem Leben, wenn sie leiden. Wenn es genug wehtut. Da sind wir beide keine Ausnahme. Aber weil es hier und da schon mal ganz schön wehgetan hat und wir es gar nicht erst so weit kommen lassen wollen, dass irgendwann gar nix mehr geht, ziehen wir vorher schon die Notbremse. Ich schränke mich mit Freuden ein, was materielle Dinge betrifft, um unendlich mehr Lebensqualität in Form von Zeit und Unabhängigkeit genießen zu können. Um nicht jeden Tag ins Hamsterrad steigen zu müssen, um meinen Lebensstil (und den von anderen) finanzieren zu können (denn die Wenigsten werden wohl aus Spaß am Beruf ihrer Arbeit nachgehen).

Und das bedeutet für mich ein Leben im Campingbus: ein Mehr an Freiheit, Selbstbestimmtheit, Ursprünglichkeit, Besinnung. Frei zu sein, wo ich morgen bin – oder mich überhaupt nicht vom Fleck zu bewegen. Selbst bestimmen zu können, wie ich meinen Tag gestalte. Dem „natürlichen“ Leben wieder ein Stück weit näher zu kommen, durch Einfachheit, das intensive Erleben der Jahreszeiten (ja, auch des Winters!), das Leben an und in der Natur. Und schließlich: mich zu besinnen, was ich eigentlich zu einem zufriedenen Leben brauche, und was nicht!

Mir ist klar, dass es für einige Menschen leichter, für andere schwieriger sein dürfte, solch ein alternatives Lebensmodell auszuprobieren. Da ist der Arbeitsplatz, da sind die Kinder, Freunde, Bekannten und anderen freiwilligen und unfreiwilligen Verpflichtungen. Und nicht zuletzt: der Widerwille, etwas zu verändern, den jede und jeder in verschiedenem Ausmaß in sich trägt. Aber machbar ist eine Veränderung der Lebensführung allemal – auch finanziell! Und damit sind wir bei Frage zwei: Wie geht das?

Zugegebenermaßen bringe ich die besten Voraussetzungen mit, um möglichst orts- und zeitunabhängig leben zu können. Ich bin seit genau 10 Jahren und 6 Monaten als freiberufliche Lektorin tätig, mit meinem Lektoratsbüro Korrektopia. Ich korrigiere, lektoriere, redigiere und formatiere für Kunden aus der Medizinbranche, für Verlage, für Agenturen und natürlich für Privatleute, die publizieren (Studenten, Doktoranden, Autoren) – von zu Hause aus oder eben von da, wo ich gerade bin.

Korrektorat Lektorat Medizinlektorat Webseiten

Und außerdem erstelle ich Webseiten mit WordPress, für Freiberufler und Kleinunternehmen. Das Geniale dabei ist, dass ich lediglich ein Laptop und einen Internetanschluss benötige, ab und an auch mal ein Handy – das war’s dann aber auch schon. Meine Stammkundschaft ist nicht riesig, jedoch völlig ausreichend, um einkaufen gehen, den Knuffi volltanken und den Campingplatz oder Bauern bezahlen zu können, auf dessen Grundstück wir stehen werden. Ausflüge, Essen gehen und andere Kapriziositäten sitzen auch noch drin. – Was, frage ich ernsthaft, kann man sich mehr wünschen …?

Etwas Vorbereitung war schon nötig, um an den Punkt zu gelangen, an dem wir jetzt sind: Mein Mann hat fleißig „vorgearbeitet“, um uns ein finanzielles Polster zu verschaffen, und die Abschaffung bzw. Reduzierung aller unnötigen Ausgaben (diverse Versicherungen, Gas dank Kaminofen, Verträge aller Art, bei denen man regelmäßig monatlich zahlen muss) hat auch nicht gerade geschadet. Die größte Anstrengung war allerdings geistiger Natur. Aus Erfahrung kann ich sagen, wie schwer es anfangs ist, sich von gewohnten Denk- und Verhaltensmustern zu lösen und gegen den Strom zu schwimmen. Und ich rede nicht nur von äußeren Einflüssen. Innere Widerstände können immens sein! Hat man aber erst einmal begriffen, was für einen selbst wichtig (im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig) ist, und nimmt man gewisse Gegebenheiten des Lebens nicht mehr als gegeben hin, legt sich der sprichwörtliche Schalter im Kopf um. Das Wunderbare daran: Das gilt für sämtliche Bereiche des Lebens.

Viele halten uns für verrückt, im besten Fall für „anders“, etwas bizarr. Wie kann man aus freien Stücken ein komfortables Leben aufgeben, das Eigenheim verkaufen – gerade in Zeiten wie diesen, wo man doch soo günstig kaufen kann! – und auf ein großes Stück Sicherheit (vermeintlich, wie schon gesagt) verzichten, um einfach so draufloszufahren? Ohne festen Wohnsitz, auf 4 Quadratmetern, unter ganz einfachen Verhältnissen?

In einem einzigen Satz lassen sich diese Fragen unmöglich beantworten. Daher werde ich versuchen, in unserem Blog auf Reisen ein Gefühl dafür zu vermitteln, warum wir tun, was wir tun, und wie es sich anfühlt. Was an unserem „Nomadendasein“ schön und auch nicht so schön ist. Welchen Freuden, Problemen, Erfahrungen wir begegnen, wie es anderswo auf der Welt aussieht, wie die Menschen dort leben. Unser erster Versuch eines alternativen Lebensstils, den wir letztes Jahr auf Djerba unternommen haben, hat uns gezeigt, in welchen Bereichen wir zu blauäugig oder zu engagiert vorgegangen sind. Jetzt lassen wir das Ganze etwas ruhiger angehen, nehmen uns für unsere „Auszeit“ nichts vor, schauen einfach mal, was uns erwartet und was sich so ergibt. Unser zweiter Versuch – mehr ein Kurzprojekt – bestand aus acht Wochen Kroatien im letzten Frühjahr, natürlich schon im Knuffi.

Acht Wochen sind keine Ewigkeit, und vielleicht fällt uns nach einem halben Jahr die Decke auf den Kopf, streikt unser Knuffi, sind wir uns gegenseitig an die Kehle gegangen, komplett ausgeraubt worden oder sehnen uns nach Deutschland zurück. Ja, vielleicht! Vielleicht werden wir aber auch süchtig – nach einem einfachen, weitgehend ungeregelten und manchmal auch abenteuerlichen Leben im Campingbus.

5 Gedanken zu “Leben im Campingbus – das Experiment

  1. Ich finde die Idee ganz wunderbar, wünsche Euch viele schöne Erfahrungen und Abenteuer, an denen Ihr Euch reiben und an denen Ihr wachsen könnt, die Ihr genießen mögt – und viele spannende Ein- und Aussichten. Ich für meinen Teil freue ich mich auf Anregungen und werde eifrig lesen.

    • Liebe Barbara,
      hab vielen Dank für deine lieben Worte und guten Wünsche! Ich würde mich freuen, wenn du uns in der nächsten Zeit hier auf dem Blog begleiten magst.
      Claudia

  2. Eine sehr interessante Seite euer Blog. Würde euch gerne in meinem Forum verlinken und natürlich begrüssen.

    Tolle Idee und aufschlussreich. So nach dem Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
    Alles Gute und hoffe bis bald.
    julie

  3. Wow, ich bin sehr erfreut mal etwas über Gleichgesinnte zu lesen! Finde deine Gedanken faszinieren, diese beschäftigen mich mit der Zeit auch immer mehr. Und mit deiner Seite hast du damit auch meine Gedanken ganz wunderbar ausgedrückt. Das gibt mir Kraft, Danke.

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