Marokko: Wir sind in Afrika (Teil 2)

Marokko Norden Rifgebirge

Die Ankunft in Marokko: Alles grün!

Unser erster Eindruck, als wir uns vom Hafen Tanger Med einen Hügel hinaufschlängeln: Es ist ja richtig grün hier! Uns war klar, dass der Norden Marokkos nicht vollkommen kahl ist oder sogar wüstenhaft anmutet. Aber dass uns so ein sattes Grün trotz des etwas diesigen Tags entgegenleuchtet, damit hätten wir nicht gerechnet. Und die Berge! Die nackten, grauen, imposanten Gipfel des Rifgebirges zu unserer Linken, darunter baumbewachsene Hänge mit kleinen Dörfern oder Siedlungen, Olivenhainen, Kakteen, bestellten Ackerflächen. Pferde, Kühe und Ziege grasen teilweise unmittelbar und völlig ungerührt am Straßenrand. Auf unserer weiteren Fahrt werden wir noch feststellen, dass es vor allem auf den Landstraßen Marokkos ratsam ist, auf Menschen und Tiere (und hier besonders auf streunende Hunde) an oder auf der Fahrbahn zu achten.

Marokko Norden Rifgebirge

Gipfel des Rifgebirges – der größte Berg im Rif, der Jbel Tidiquin, ist knapp 2.500 Meter hoch

Das Rifgebirge grenzt unmittelbar an das Mittelmeer, daher befinden wir uns nach dem Verlassen des Hafens auch schon mitten in den Vorläufern. Ein beeindruckendes, gewaltiges Panorama, das sehr friedlich wirkt und einen Eindruck von Weite vermittelt. Die vorherrschenden Farben hier im Norden von Marokko sind das Grün der Hügel, das rötliche Braun der lehmhaltigen Erde, das Ocker von wenig bewachsenem Boden und das Weiß der Häuser, die sich an die Hänge schmiegen – durchzogen von farbigen Tupfern in Form von blühenden Blumen und Sträuchern. Die Luft ist mild, die Sonne scheint, das Auge und auch das Herz freut sich. Ja, es war wirklich eine gute Idee, gen Süden zu ziehen!

Marokko Norden Rifgebirge

Die erste Fahrt geht nach Chefchaouen ins Rif-Gebirge

Als erste Station in Marokko haben wir uns Chefchaouen ausgesucht, die größte Stadt im Rifgebirge mit etwa 35.000 Einwohnern. Früher galt Chefchaouen als heilige Stadt, die nur Marokkaner betreten durften. Heute ist sie eine beliebte Zwischenstation für Touristen, die gerade in Tanger angekommen sind, ins Rifgebirge fahren wollen oder sich wieder auf dem Rückweg nach Spanien oder Italien befinden. Um die Mittagszeit hat unsere Fähre angelegt, da sind die 124 Kilometer bis Chefchaouen – bei einem Schnitt von rund 50 km/h durch die Berge – eine optimale Etappe. Im Dunkeln möchten wir nur ungern fahren, und später, auf unserer Fahrt in den Süden, bestätigt sich, dass man es als Nichtortskundiger möglichst vermeiden sollte, abends oder nachts über Land zu fahren.

Knuffi gibt uns per Leuchtsignal zu verstehen, dass es eine gute Idee wäre, innerhalb kurzer Zeit eine Tankstelle anzulaufen. Leider ist von einer solchen weit und breit nichts zu sehen in den wenigen kleinen Orten, die wir passieren. Wir fragen einen Polizisten nach der nächstgelegenen Tankmöglichkeit. (Schließlich haben wir in Tunesien von Einheimischen gelernt: Frage immer einen Polizisten!) Gut gelaunt erklärt er uns, die gebe es in Fnideq, und das liege rund 15 Kilometer entfernt. Alles klar – so viel Diesel haben wir auf jeden Fall noch. Fnideq ist eine hübsche Stadt an der Nordküste Marokkos, die unter spanischer Herrschaft stand. Nur einige Kilometer entfernt befindet sich denn auch Ceuta, das heute noch spanische Exklave ist. Fnideq wirkt sehr gepflegt, Müll im Straßengraben sucht man hier vergebens – ob man das Städtchen wohl für Touristen aufgehübscht hat? Egal, wir erfreuen uns an dem Anblick.

Marokko Norden Fnideq

Das Küstenstädtchen Fnideq von oben

Wir fragen hier erneut nach der Tankstelle und bekommen den Weg gewiesen – wieder höflich und lächelnd. Auf einmal führt die Straße auf eine Sandpiste und eine kleine Hügelkuppe hinauf; irgendwie sieht es nicht so aus, als würde der Weg ins Stadtzentrum führen. Auf der anderen Seite geht es recht steil und holprig bergab. Und siehe da: Wir sind auf der Hauptstraße! Nach einigen Minuten lacht uns das Afriquia-Schild an, das für Knuffi neue Nahrung verspricht.

In Marokko (und übrigens auch in Tunesien) wird man an den Tankstellen bedient, noch nicht einmal zum Zahlen muss man das Fahrzeug verlassen – der Tankwart kassiert gleich das Geld. Unserer spricht leider kaum Französisch, dafür aber sein Kollege, der über beide Backen strahlend zu uns hinüberläuft und uns das Übliche fragt: Seid ihr zum ersten Mal hier, wie gefällt es euch …? Er scheint sich aufrichtig zu freuen, als wir sagen, dass uns Marokko bisher gut gefällt und wir gern länger bleiben möchten. Zum Abschied heißt er uns herzlich in Marokko willkommen, wünscht uns eine sichere Fahrt und eine schöne Reise. Es mag eine Floskel sein, aber die Art, wie sie vorgetragen wird, gibt uns tatsächlich das Gefühl, in diesem Land willkommen zu sein.

Wir verlassen die Stadt und fahren auf die Autobahn A6 mit dem klangvollen Namen Autoroute La Méditerranéenne in Richtung Tétouan. Die Mautgebühren sind in Marokko sehr günstig, wie so vieles andere auch, und die Autobahnen in einem Topzustand – soweit wir sie bisher befahren haben.

Marokko Norden Autobahn

Auf der Autoroute von Tanger nach Tétouan

Marokko Fahrt Tanger Chefchaouen Rif

Auf der Route Nationale am Meer entlang

Bis nach Tétouan fahren wir auf ihr entlang und zweigen schließlich auf die Route Nationale N2 Richtung Chefchaouen ab. Hier beginnt das Land der Benze. Es ist unglaublich: Sämtliche Mercedes-Fahrzeuge, die der Abwrackprämie zum Opfer gefallen sind, scheinen in den Norden von Marokko exportiert worden zu sein. Ohne zu übertreiben, ist so gut wie jedes Auto – egal ob Pkw oder Transporter –, das uns entgegenkommt, ein Mercedes. Freunde des Sterns finden hier ein wahres Paradies vor: 123er sind in jeder Form zu finden, von der S-Klasse bis zum 300D, vorwiegend im Einsatz als – na? – Taxis.

In einem Ort an der Landstraße halten wir an einem kleinen Laden, um uns (notgedrungen) mit Wasser aus der Flasche einzudecken. Ein paar Meter neben dem Laden steht eine eindrucksvolle Parade von Taxi-Benzen. Wir fragen, ob wir ein Foto machen dürfen, und kommen mit den Männern ins Gespräch. Sie erzählen, dass ein neues Gesetz verbiete, in Zukunft Autos dauerhaft zuzulassen, die älter als zehn Jahre sind. Schade, wird das doch bedeuten, dass diese schönen, zuverlässigen und langlebigen Fahrzeuge auch hier allmählich von der Bildfläche verschwinden werden …

Marokko Norden Benz W124

Ein schöner Anblick für jeden Mercedes-Freund …

Auf der Weiterfahrt entdecken wir am rechten Straßenrand eine Wasserstelle – ein Rohr, aus dem Quellwasser läuft und in ein kleines Becken fließt. Wir freuen uns, doch noch unverhofft und so schnell an natürliches Wasser gekommen zu sein, und füllen unseren Kanister und einige Glasflaschen auf. Kurze Zeit, nachdem wir gestoppt haben, hält ein weiteres Fahrzeug. Ein Marokkaner und seine Mutter steigen aus, um ebenfalls etwas Wasser abzufüllen. Entnahmestellen sind übrigens regelmäßig anzutreffen, vor allem in ländlichen Gegenden. Wenn man bedenkt, dass es noch genügend Marokkaner gibt, die zu Hause kein fließendes Wasser haben (geschweige denn warmes), ist das eine sinnvolle und notwendige Angelegenheit. Wir unterhalten uns kurz mit den beiden, die in Spanien gelebt und gearbeitet haben. Dementsprechend ist ihr Spanisch wesentlich besser als das Französisch oder Englisch, aber man versteht sich und geht lächelnd und den anderen mit guten Wünschen versehend seines Weges.

Immer höher hinauf geht es, Knuffi muss richtig ranklotzen, und jetzt eröffnet sich uns zum zweiten Mal ein Bergpanorama, das wir so schnell nicht vergessen werden. Über Serpentinen geht es mal bergauf, mal bergab. Wir kommen nicht sonderlich schnell voran, aber darum geht es zum Glück ja nicht – und dafür sind die Ein- und Ausblicke umso fantastischer. An einer besonders schönen Stelle hält Jochen zu einer kleinen Pause an. Wir knipsen eifrig Fotos und die Jungs dürfen sich endlich auch mal bewegen und erleichtern.

Marokko Fahrt Tanger Chefchaouen Knuffi

Da steht er, der Knuffi, mitten im Rifgebirge Marokkos …

Marokko Norden Rif Claudia

Tolle Aussicht – und ganz schön windig!

Unser weiterer Weg führt uns durch einen größeren Ort, an dem heute Souk ist. Langsam manövriert Jochen den Knuffi durch das Gewühl aus Menschen, Tieren und Ständen. Markt findet in Marokko nicht nur an, sondern auch auf der Straße statt. Als wir uns langsam vorantasten, reicht mir ein Händler eine Apfelsine durch die heruntergekurbelte Fensterscheibe. Sie schmeckt lecker, also halten wir an, ich gehe zurück und kaufe drei Kilo Apfelsinen. Tadellose Verkaufsstrategie!

Etwas später – eingebettet in einer Hügellandschaft, die aus dem Herrn der Ringe stammen könnte – passieren wir einen Ort mitten im Nirgendwo. Vor einem Café stehen zwei Männer, die den Knuffi und uns neugierig beäugen. Ein paar Meter weiter drehen wir um und fahren zurück. Zeit für einen Milchkaffee und einen thé à la menthe (Minztee)! In dem Café sitzen drei Männer an einem Tisch und spielen Schach. Speed-Schach! Fast ohne Pause und ohne Zögern folgt Zug auf Zug. Der Mann in der Mitte erinnert mich irgendwie an Jamiroquai; er scheint der Meister des schnellen Schachs zu sein. Jochen guckt ihnen neugierig zu, die Einladung zu einem Spiel mit Jamiroquai schlägt er allerdings aus.

In einer Ecke hängt ein Flachbildfernseher, auf dem ein spanisches Ligaspiel gezeigt wird. Marokkaner – überhaupt Nordafrikaner, soweit ich das beurteilen kann – lieben Spiele. Und sie lieben Fußball. In der einen Mannschaft spielt Messi, und das ist auch das einzige Wort, das ich verstehe. Außer den Schachspielern sitzt noch ein Mann im Café, der sich das Spiel ansieht. Er sieht besonders oft zu uns hinüber und scheint sich mit uns unterhalten zu wollen, aber kein Französisch zu sprechen. Ein Gespräch kommt leider nicht in Gang, dafür wird das Café langsam immer voller. Es scheint sich im Dorf schnell herumgesprochen zu haben, dass Besucher da sind. Am Ende sind fast alle Stühle in dem kleinen Raum besetzt, ein Alter in Berberkleidung neben uns zieht eine Opiumpfeife aus seinem Umhang und zündet sie gemächlich an. Ja, das Leben verläuft hier wahrhaftig in ruhigen Bahnen. Es fällt mir ein bisschen schwer, mir vorzustellen, permanent an so einem einsamen Platz zu leben, trotz des grandiosen Rundblicks und der friedlichen Stimmung. Als Gast fühle ich mich jedenfalls willkommen, akzeptiert und respektiert.

Zum Schluss werden noch Rocky und Freddy beäugt, die auf die Vordersitze des Knuffi gehüpft sind und sich auch ein wenig umsehen wollen. Der Cafébesitzer bescheinigt mir, dass Rocky ein prima Hund sei, gut geeignet für die Jagd und alles. Ich kann das nur bestätigen (ohne den Teil mit der Jagd allerdings). Mit einer schönen Erinnerung mehr aus Marokko steigen wir wieder in den Knuffi, um vor Einbruch der Dunkelheit in Chefchaouen anzukommen.

Marokko Norden Rif Chefchaouen

Blick auf Chefchaouen (Quelle: Wikipedia)

Am Ende wird es etwas knapp, die Sonne ist schon fast gänzlich verschwunden, aber schließlich taucht vor uns die Stadt auf. Wellenförmig geschwungen breitet sie sich unter den Gipfeln der „zwei Hörner“ – zwei Bergspitzen – aus, die Chefchaouen ihren Namen geben. In der Dämmerung sind von der Stadt nur die Lichter zu sehen; sie wirkt trotzdem irgendwie heimelig. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass mein Wunsch nach einem gemütlichen, ruhigen Stellplatz für die Nacht mit dem Dunkelwerden rapide zunimmt. Unser Weg führt durch die ganze Stadt, die terrassenförmig angeordnet ist, immer höher hinauf, bis wir die letzten Häuser hinter (oder besser unter) uns lassen. Der örtliche (und einzige) Campingplatz liegt auf einem Felsplateau über Chefchaouen mit tollem Blick auf die Stadt und das Tal.

Von diesem Blick bekommen wir aber erst mal nichts zu sehen, und das ist uns auch ziemlich egal nach der zwar recht kurzen, aber ereignisreichen und anstrengenden Fahrt durch die Berge. Wir stellen den Knuffi auf die Talseite des Platzes. Wir sind ja nicht doof – morgen beim Aufwachen soll es schließlich was zu gucken geben! Als Erstes – wie immer, wenn es Strom gibt – werden die Laptops an die Dose gehängt, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Stromausfälle sind in Marokko nicht gerade an der Tagesordnung, können aber immer wieder mal vorkommen.

Plötzlich höre ich ein komisches Summen und Knistern, das aus dem vorderen Bereich des Knuffi kommt. Hier sind unter dem Fahrersitz die Bordelektrik und die Zusatzbatterie untergebracht. Dann sehen wir auch noch, dass das Licht an unserer Dreifachsteckdose flackert. Das ist nicht gut! Die Elektroinstallation auf dieser Seite des Platzes macht, um es mal diplomatisch auszudrücken, nicht gerade einen vertrauenerweckenden Eindruck. Und es hat angefangen zu regnen. Schnell hüpfe ich aus dem Knuffi und ziehe den Stecker aus der – tja, sagen wir mal: Dose. Der Knuffi wird auf die Hangseite umgeparkt, dort gibt es auch keine Probleme mit dem Strom. Knuffis Elektrik hat glücklicherweise keinen Schaden davongetragen. Das Wifi funktioniert einigermaßen – es reicht, um Mails abzurufen. Viel mehr sitzt an diesem Abend sowieso nicht drin. Glücklicherweise gibt es ein Restaurant auf dem Platz; dort bestelle ich uns jeweils eine Tajine Poulet (Schmortopf mit Kartoffeln, Gemüse und Hühnchen) und nehme sie mit in den Knuffi. Satt und zufrieden, schön eingekuschelt in unsere Decken, dämmern wir ins Land des Vergessens weg.

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