Oben auf dem Felsen

Marokko Taghazout Ganschi

Heute sind es genau sieben Wochen, die wir nun schon hier verbringen. Hier, das ist der Camping „Terre d’Océan“ bei dem kleinen Ort Taghazout rund 20 Kilometer vor Agadir. Und fast genauso lange gab es keinen neuen Beitrag auf dem Blog auf Reisen! Ja, zugegebenermaßen war ich etwas faul. Naja, sagen wir eher: Ich habe einen kleinen Winterschlaf eingelegt. Oder noch netter: eine kreative Schaffenspause. Außerdem haben wir eine Zeit lang gebraucht, um uns hier einzuleben. Inzwischen ist alles so vertraut, und dennoch lerne ich fast jeden Tag etwas Neues kennen: andere Menschen, andere Gewürze, Pflanzen oder Gerichte, neue arabische Wörter, Zahlen und Redewendungen …

Aber zunächst mal: Ja, wir sind immer noch in Marokko, immer noch in der Nähe von Taghazout und auf demselben Platz und fühlen uns immer noch wohl hier – was auch nicht schwer ist, wenn man tagtäglich mindestens eine Handvoll Leute trifft, die einem entgegenstrahlen, weil die Sonne scheint, das Leben schön ist oder sie einfach nur sehr nette Menschen sind. Zugegeben, am Anfang war ich skeptisch. Bei der Suche nach unserem nächsten Campingplatz im Internet (Vorgabe: möglichst direkt am Meer) stieß ich immer wieder auf den „Terre d’Océan“, meist mit dem Kommentar versehen: „Fantastischer Ausblick!“ Allerdings erfuhr ich dabei auch, dass die Hochsaison in Marokko erst im Januar beginnt und die Plätze am Meer dann sehr schnell rappelvoll sind, vor allem, nachdem die berühmte „Platte“ bei Taghazout nun geräumt sein soll. Eingekeilt wie eine Ölsardine zwischen mächtigen Womo-Schlachtschiffen? Klang irgendwie nicht so verlockend. Als Zwischenstation auf dem weiteren Weg Richtung Tiznit oder Sidi Ifni bot sich der Camping aber an, und die tolle erhöhte Lage am Meer gab schließlich den Ausschlag.

Marokko Meer Taghazout Aussicht

Blick von „unserem“ Felsen

Nach unserem Aufbruch in Chefchaouen Mitte Dezember – Dauerregen und ein starker, frischer Wind trieben uns weiter – ging es erst einmal nach Mohammedia, eine Hafenstadt kurz vor Casablanca. Dort hielt es uns einige Tage auf dem Camping „L’Océan Bleu“, einem an sich schönen kleinen Platz direkt am Meer in einem Vorort von Mohammedia, der allerdings äußerst ungünstig zwischen mehreren (teils noch nicht fertigen) Apartmentkomplexen liegt. Die Umgebung lädt nicht wirklich zur Erkundung ein, da der neue Vorort, in dem der Camping liegt, einer Geisterstadt gleicht. Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe sind nicht vorhanden. Wir fühlten uns trotzdem ganz wohl dort – vor allem ist mir der lustige junge Mann aus dem Restaurant in Erinnerung geblieben, der immer nett gelächelt und uns lecker Tajine serviert hat. Nach drei Tagen wollten wir dann aber weiter Richtung Süden, um dem auch hier unbeständigen Wetter zu entkommen, ans Meer und der Sonne entgegen.

Marokko Mohammedia Camping

Auf dem Camping „L’Océan Bleu“ in Mohammedia

Nach einer landschaftlich tollen und recht langen Fahrt von rund 500 Kilometern (im Knuffi sollte man dafür mindestens sechseinhalb Stunden Fahrzeit einplanen, plus Pausen) kamen wir kurz vor Weihnachten – genauer gesagt am 20. Dezember – nach Sonnenuntergang auf dem Camping „Terre d’Océan“ an. Das Schild zur Zufahrt, die von der Küstenstraße abgeht, ist im Hellen gut zu erkennen – wir sahen es erst, als wir eigentlich schon dran vorbei und fast in Taghazout waren. Entsprechend froh waren wir, als wir mit dem Knuffi endlich vor einem Wärterhäuschen und einer Schranke vorfuhren. Der nette und sehr gut Französisch sprechende Nachtwächter führte uns zum Platz vor der Rezeption, die schon geschlossen war. Wir entschieden uns, nicht lange zu fackeln und dort erst mal stehenzubleiben – außerdem wollten wir ja nur einige Tage bleiben. Der Strom wurde „freigeschaltet“, Wifi gab’s dank der Nähe zur Rezeption auch.

Inzwischen sind wir auf einen der (unserer Meinung nach) exklusivsten und ruhigsten Plätze umgezogen: auf das kleine, schmale Felsplateau ein wenig unterhalb der „Hauptebene“ des Campingplatzes, wo es acht Stromanschlüsse, eine Toilette, eine Dusche und mehrere Spülbecken gibt. Exklusiv deshalb, weil man hier dem Atlantik noch ein Stück näher ist und jeder Platz einen wirklich genialen Meerblick bietet, inklusive kleiner „Terrasse“. Und ruhig deshalb, weil kein permanentes Stimmengewirr mehr zu hören ist und die meisten Camper auf „unserem“ Felsen ziemlich bis sehr entspannt sind. Es ist fast wie ein kleiner Campingplatz auf dem Campingplatz – les sauvages, also „die Wilden“, werden wir hier unten auch gern genannt … So muss es sich anfühlen, irgendwo frei zu stehen.

Marokko Meer Taghazout Aussicht

Morgens um halb zehn in Marokko

Wir sind also angekommen, eine Woche geblieben, haben auf das untere Plateau gewechselt und beschlossen, noch ein paar Tage zu bleiben. Und dann noch ein paar. Und schließlich haben wir gar nicht mehr darüber nachgedacht. Woher stammt noch mal folgendes Zitat? „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.“ Genau so fühlt sich das Leben hier an.

Mein Ziel ist es nicht, möglichst viel zu sehen und „abzugrasen“. Ein typischer Sightseeing-Tourist war ich noch nie. Ich möchte die Stimmung vor Ort spüren, die Menschen im Alltag beobachten und mit ihnen sprechen, mich der jeweiligen Lebensweise anpassen, um in eine andere Kultur reinzuschnuppern. Das alles ist meiner Meinung nach nicht möglich, wenn man sich darauf konzentriert, Namen, Jahreszahlen und Routen im Kopf zu behalten – und nebenher noch versucht, die vielfältigen erlebten Eindrücke zu verarbeiten. Wir haben den ganz großen Vorteil, dass uns die Zeit nicht drängt und wir deshalb länger an einem Ort verweilen können. Andere Menschen, vor allem Marokkaner, lernt man nicht mal eben zwischen Tür und Angel kennen. Aber zu den interessanten, lustigen und manchmal auch eigenwilligen Kontakten, die wir hier knüpfen durften, komme ich in meinem nächsten Beitrag.

Wir sehen noch keinen Grund, unser Lager hier abzubrechen. Alles, was wir brauchen, haben wir direkt vor Ort oder ist nur ein paar Kilometer entfernt in Taghazout. Dort tummelt sich ein buntes Völkchen aus Jung und Alt, Marokkanern und Touristen (vor allem Surfern). Es ist überaus kurzweilig, sich in das kleine Restaurant am Straßenrand zu setzen, wo es ab Mittag Tajines, Eintöpfe und allerlei andere Leckereien gibt, einen thé à la menthe zu trinken oder etwas zu essen und die Leute zu beobachten, die an einem vorüberziehen. Selbst an den wuseligsten Tagen und bei viel Verkehr geht es sehr stressfrei zu, es herrscht eine wunderbar entspannte Grundstimmung – und ja, es hilft natürlich enorm, dass dabei die Sonne scheint!

Eindrücke und Austausch gibt es genug, und für den Fall, dass es uns weiterziehen sollte, haben wir auch schon zwei schöne neue Orte im Auge, die uns sozusagen zugeflogen sind. Ein leichtes Gefühl von Aufbruch wird langsam spürbar. Vorerst bleiben wir aber noch hier – oben auf unserem Felsen!

Marokko Meer Taghazout Camping

Blick von oben auf den Campingplatz

Marokko Meer Taghazout Berge

Kleiner Spaziergang am Berghang über dem Camping

Ein Gedanke zu “Oben auf dem Felsen

  1. Hallo Ihr Lieben,
    schön, dass ein neuer Bericht online ist. Hört sich richtig gut & vor allem entspannt an. Wir haben hier gerade einen Mix aus Sonne & Wolken mit sich abwechselnden Schneeschauern. Die Temperaturen liegen tagsüber so um den Gefrierpunkt & nachts haben wir Minusgrade. Uns vieren geht es gut. Lasst von Euch regelmäßig was hören & ich wünsche euch noch weiter eine erholsame Zeit & viele spannende Begegnungen sowie Eindrücke in Marokko.

    Ganz liebe Grüße aus dem kalten Kirchheim

    Big Brother

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